Das Red Chili Team unterwegs durch Mallorca
Cala Barques, Porto Christo
Vorsichtig schiebe ich den Kopf über die Kante. Unter mir bricht die Wand überhängend in die Tiefe. Ganz unten rollen in regelmäßigen Abständen die Wellen heran. Explosionsartig wird das tiefschwarze Wasser zerrissen und meterweit an den Felsen in die Luft geschleudert.
„Das ist der absolute Hotspot, genau 20 Meter tief“, schreit hinter mir Miquel um das Getöse der Brandung zu übertönen. „Perfekte Bedingungen. Die Wellen brechen die Wasseroberfläche und durch die Brandung wird das Wasser mit Luft durchsetzt.“ Allein die Vorstellung hier zu klettern schnürt mir die Kehle zu. Neben mir machen sich zwei Schweizer bereit. Seelenruhig binden sie ihre Kletterschuhe, stellen sich an die Abbruchkante und mit einem Schritt rasen sie wie Basejumper in den Abgrund. Sekundenbruchteile vor dem Aufschlag pressen sie die Arme an den Körper und tauchen kerzengerade, mit den Füßen voran, in die Brandung.
Jeder Fehlgriff ist unmittelbar mit einem Sturz in die Fluten verbunden. „Smoking Barrels“ heißt eine weltberühmte Route im zehnten Schwierigkeitsgrad hier an den Klippen von Porto Christo. Einige Kletterer reisen um die halbe Welt, nur um diese Route zu klettern. Ein zwingender Sprung an einen weit entfernten Griff bildet die Schlüsselstelle.
Wer ihn nicht erreicht, tritt einen 18 Meter langen Flug nach unten an. Genügend Zeit um darüber nachzudenken, was bei einer unkontrollierten Landung so alles passieren kann. Die Verletzungspalette reicht von zerrissenen Adern in der Lunge, ausgekugelten Armen bis hin zu riesigen, tiefblauen Blutergüssen diversen Körperstellen. Doch genau darin liegt die Spannung beim Deep Water Soloing oder kurz DWS genannt. Es ist nicht ungefährlich, bietet alles was den Reiz des Solokletterns ausmacht, nur ohne die normalerweise damit verbundene Lebensgefahr. Wirklich gefährlich ist nur die falsche Einschätzung von Wellen und Brandung. Bei hohem Seegang ist der Rücklauf so stark, erklärt Miquel Riera, dass der Kletterer nach einem Sturz ins Meer hinaus gezogen wird. Daher ist das erste Gebot beim DWS, niemals alleine zu klettern.
Miquel muss es wissen. Er ist ein Mann der ersten Stunde. Zusammen mit Freunden kletterte er bereits Ende der siebziger Jahre an den überhängenden Klippen, direkt über dem Meer, ohne Seil. Anfangs fand diese Spielform des Sportkletterns selbst in Kletterkreisen kaum Beachtung, doch in den letzten Jahren hat sich durch die Publikationen namhafter Kletterer wie Chris Sharma oder Toni Lamprecht, ein regelrechter Run auf die DWS Gebiete in Thailand, England, Kroatien und vor allem Mallorca entwickelt.
Als ich schwer beeindruckt meinen Kopf von der Kante zurückziehe, klopft mir Miquel beruhigend auf die Schulter. „Es gibt auch harmlosere Gebiete, in denen man sich ganz langsam an die Höhe und an das Gefühl des ungesichert seins, gewöhnen kann“. Wir fahren nach Cala Barques und hier fühle ich mich sofort deutlich wohler. Die Grotten und Höhlen sind bei weitem nicht so hoch wie in der Cova del Diabolo" (Höhle des Teufels) in Porto Cristo.
Ich klettere einige leichtere Routen und spüre den Flow, den es nur beim Soloklettern gibt. Vor dem zweiten Versuch heißt es dann erst einmal: Wäsche trocknen. DWS Profis deponieren dazu am Wandfuß einen wasserdichten Sack mit Handtuch, Ersatz Magnesiabeutel und Magnesia. Bei den Kletterschuhen reicht es in der Regel, die Sohlen zu trocknen, an die nassen Füße gewöhnt man sich beim Klettern schnell. An manchen Tagen im Hochsommer überziehen die salzhaltige Luft und ungünstige Windverhältnisse Griffe und Tritte mit einem richtigen Schmierfilm. Klettern ist unter diesen Bedingungen beinahe unmöglich.
Erst im Spätsommer trocknet die tiefer stehende Sonne die Felsen richtig aus und bietet perfekte Bedingungen!






















