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Winter an den Drei Zinnen

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Winterbegehung der Schweizerführe

Winter an den Drei Zinnen

Fritz Miller und Lukas Binder

Von Fritz MillerMann kann sich an Vieles gewöhnen. Auch daran, bei einer Schweinekälte in einer großen Felswand zu hängen. Mir kam es tatsächlich so vor, als sei es ganz normal was wir da machten – Klettern in der Nordwand der Westlichen Zinne – im Winter. Der steile Fels, der Schnee, die Kälte, der Wind – es war mir alles vertraut. Klar, wir hatten es oft genug erlebt. Das weltberühmte Südtiroler Dreigestirn nahm dabei eine Schlüsselrolle ein, wie mir rückblickend klar wurde.

Im Sommer 2003 gurkten Markus – er hatte bereits den Führerschein – und ich mit der geliehenen Schrottkarre meines damaligen Arbeitskollegen quer durch die Dolomiten und kletterten einige große Klassiker, bis wir schließlich bei den Drei Zinnen landeten. Ein kleines Bild von ihrer Nordseite hatte ich schon früher in meinen Schulordner geklebt. So waren die Zinnen immer präsent und Gegenstand zahlloser Tagträume. Jetzt standen wir ihnen voller Ehrfurcht und Bewunderung gegenüber. Jetzt waren sie echt. Wir konnten sie anfassen. Und dabei sollte es auch bleiben. Zunächst. Ein Jahr später gingen wir entschlossener ans Werk. Diesmal war auch Lukas mit von der Partie und wir stiegen durch die „Comici“. Später folgten schwierigere Routen, für die wir immer wieder bereit waren, alles zu geben. Wir lebten das Klettern an den Drei Zinnen – und wir erlebten seine Schattenseiten. Diese Berge waren wie ein großer Rummelplatz. Mit zu vielen Menschen, zu vielen Menschen mit Dollars in den Augen, Lärm, Geschrei, Gestank. Und wir gehörten dazu. Unser Auto hatte sich genauso die sündhaft teure Straße zur Auronzohütte hochgequält.

Als Markus, Lukas und ich Mitte Februar 2007 zu den Zinnen zurückkehrten, waren wir auf der Suche nach jenen Bergen, die wir hier zuvor nicht erlebt hatten. Die einsamen, die wilden. Ich erlebte sie trotz einiger anderer Tourengeher als einsam und wild. Vor allem als Lukas und ich durch die Nordwand der Großen Zinne kletterten. Wir hatten die Sachsenführe, die „Superdirettissima“ ausgewählt. Die Route wurde im Januar (!) 1969 in 17 Tagen erstbegangen und führt ziemlich direkt zum Gipfel. In einer Mischung aus freier und technischer Kletterei erreichten wir recht flott das tief verschneite Ringband. Die letzten vier Seillängen im extrem brüchigen und winterlichen Fels wurden dann zum Härtetest. Den Hauptgipfel erreichten wir schließlich in völliger Finsternis, den kargen Winterraum der Auronzohütte erst in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages.

Diese Tour hatte mir mehr abverlangt als unsere früheren Zinnenabenteuer. Meine Hände waren zerschunden, meine Schienbeine waren vom Bruchharsch und Felskontakt wund, an den Zehen hatte ich leichte Erfrierungen – später lösten sich ein paar Nägel ab – und der ganze Körper war müde. Aber: Ich war zufrieden. Nicht weil es irgendwie geklappt hat, sondern weil es uns beim Klettern gut ging. Weil wir wussten, dass wir es genau so wieder machen würden.

Der Winter 2008/2009 war lang und besonders auf der Alpensüdseite außergewöhnlich schneereich. Nach einem eisigen Februar trafen Lukas und ich die Sextener Dolomiten Anfang März tief verschneit an. Wir konnten es einfach nicht lassen. Wie zwei Jahre zuvor stiegen wir mit Skiern und viel zu schweren Rucksäcken zur Auronzohütte auf, um eine weitere spektakuläre Route der Drei Zinnen anzugehen: Die Schweizerführe in der Nordwand der Westlichen Zinne. Betrachtet man Charakter, Länge und Schwierigkeit, liegen Schweizerführe und Sachsenweg recht nahe beieinander. Unser Respekt vor der Schweizerführe war aber besonders groß. Das erste Drittel der Wand hängt stark über, wodurch sich Rückzüge sehr schwierig gestalten, im oberen Drittel flacht die Wand ab und ist im Winter stark eingeschneit.

Noch am Tag unserer Anreise gingen wir bis zum Wandfuß, um im tiefen Schnee zu biwakieren. Die Nacht sollte eher unkomfortabel werden. Leider war die Zeit knapp und wir mussten am kommenden Morgen früh in die Wand starten. Bei eisigen Temperaturen kletterten wir die ersten drei Seillängen frei (af). Unter dem riesigen Dach angekommen war klar, dass wir so nicht weit kommen würden. Es war einfach zu kalt und es wurde auch nicht wärmer. Im Gegenteil, es wurde kälter. Ein eisiger Wind begleitete uns, während wir uns teils hakentechnisch, teils in freier Kletterei durch die überhängenden Schlüssellängen der Tour kämpften. Wir froren - auch in den Daunenjacken.

Die Jahre 2007 und 2008 waren für mich aus alpinistischer Sicht echt krass – und lehrreich. Mittlerweile wusste ich ganz gut, wie schnell man sich Erfrierungen an Fingern und Zehen zuziehen kann. Ich wusste auch, dass ich immer auf mein Bauchgefühl hören sollte. Dieses war eindeutig und der nüchterne Verstand sagte das gleiche: Weg hier. Wir beschlossen also umzudrehen. Die Entscheidung fiel leicht. Zwar packt man in der Nordwand der Westlichen Zinne nicht einfach seine Sachen, sagt ciao und geht , aber wie bereits erwähnt: Wir machten sowas nicht zum ersten Mal…

Als Lukas und ich nachts wieder in Reutlingen ankamen, lagen wahrscheinlich die zwei ereignisreichsten Tage unseres Lebens hinter uns. So war das natürlich nicht geplant, aber was soll‘s. Wir waren wieder heil zurückgekehrt und das Leben ging weiter. Mit Schweizerführe oder ohne. Vielleicht kehren wir ja einmal wieder in die Nordwand der Westlichen Zinne zurück. Wahrscheinlich dann aber eher im Sommer…

Ausrüstungsliste für einen Winter-Bigwalltrip an den Drei Zinnen

- komplette Skitourenausrüstung
- Schaufeln, Sonden, VS-Geräte
- leichte Daunenschlafsäcke, leichte Isomatten
- Kocher (Jetboil), Gas, Löffel
- Nahrungsmittel die nicht so leicht gefrieren
- Biwaksack, Rettungsdecke, EH-Material
- Zahnbürsten und Zahncreme
- Klopapier
- Sonnencreme
- Sonnenbrillen
- Bergstiefel und Gamaschen
- Daunenjacken, Gore-Tex-Jacken
- warme Kleider
- je drei Paar Handschuhe
- Mützen, Sturmhauben
- Rucksack (60 l)
- Haulbag (70 l)
- Packsack für Materialdepot
- Klettergurte
- Helme
- Magnesiasack
- Kletterschuhe (Red Chili Sausalito u. Corona VCR)
- Einfachseil (10 mm, 50 m)
- Haulseil (9 mm, 50 m)
- Hilfsseil (8 mm, 50 m, braucht es normal nicht)
- TRE Sicherungsgerät
- Guide-Abseilacht
- 10 Exen (besser mehr mitnehmen)
- freie Karabiner (viele)
- Bandschlingen
- 1 Satz Klemmkeile (Wild Country)
- Friends
- 2 Hämmer, diverse Schlaghaken
- Cliffs
- 2 verstellbare Selbstsicherungsschlingen
- 2 Handsteigklemmen inkl. Trittschlingen
- 2 Trittleitern
- Wirbel und Minitraxion (zum Haulen)
- Prusikschlingen, Ropeman
- Topo